Die Alternative

radierer | Allgemein | Samstag, November 5th, 2011

Ein Schiff wird kommen, und das bringt mir den einen
Den ich so lieb’ wie keinen, und der mich glücklich macht
Ein Schiff wird kommen und meinen Traum erfüllen
Und meine Sehnsucht stillen, die Sehnsucht mancher Nacht

M. Hadjidakis / F. Busch

Es ist frappierend, wie schnell in Krisenzeiten der antidemokratische Reflex erwacht. Er muss nicht erst von Ideologen in die Gesellschaft eingeschleust werden; er ist immer schon da.

In diesem Artikel bescheinigen der Theaterkritiker Dirk Pilz und die Journalistin Friederike Schröter der Demokratie, dass sie am Ende sei. Ihr Text enthält weder neue Einsichten noch eine stimmige Argumentation. Angesichts der Situation in der EU könne man sich Demokratie eben nicht mehr leisten; aber irgendwie sei es auch „das Beste, was der westlichen Demokratie passieren konnte“, wenn sie sich selbst in Frage stellt. Das Volk – so Pilz und Schröter – ist unberechenbar und nicht in der Lage, im Sinne seiner eigenen Interessen zu handeln, weil er keine Antwort auf die akuten Probleme hat. Die Politiker und Experten haben auch keine. Macht aber nichts. Man kann ja mal darüber nachdenken, das Volk durch einen kompetenteren Souverän zu ersetzen, auch wenn man nicht recht weiß, wer da gerade in Frage käme. Es darf keine Denkverbote geben:

„Denn Fantasie für das Neue entsteht nur, wenn nicht am Anfang schon gefordert wird, was sie selbst erst hervorbringen kann: eben etwas Neues, Anderes, bislang Unvorstellbares. Zum Beispiel eine alternative Gesellschaftsform zur Demokratie, die die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit, Presse- und Meinungsfreiheit wahrt, ohne zum Spielball der Weltprobleme zu werden. Ohne von den Finanzmärkten, den Umweltproblemen und weltweiten Migrationsbewegungen fremdgesteuert zu sein.“

Wenn die Angst um das Eigene in uns hochkriecht, regredieren wir. Wir möchten keine Verantwortung tragen und nichts zu sagen haben. Wir möchten nicht über Machtstrukturen nachdenken. Nicht über die zahlreichen alternativen Gesellschaftsformen zur Demokratie, die in bester Absicht schon ausprobiert worden sind. Und nicht darüber, was sich ändert, wenn ein Souverän, der nicht wir sind, uns Rechtsstaatlichkeit, Presse- und Meinungsfreiheit gewährt. Hauptsache er macht, dass die böse Krise weggeht und nie, nie wiederkommt. (Nett wäre auch noch, wenn er nicht so wäre, wie die bisherigen nichtdemokratischen Souveräne. Sondern halt irgendwie neu, anders, bislang unvorstellbar).

Der böse Mann

radierer | Vorzeichen | Freitag, Oktober 21st, 2011

Wir sind müde
Wir wollen schlafen
Und der böse Mann
Kommt immer näher
Und erst wenn er tot ist
Werden wir wissen wer wir sind
PeterLicht

Als am Donnerstag die Meldung kam, Gaddafi sei verletzt gefangengenommen worden, hat mich das erstaunt.

Als kurze Zeit später sein Tod gemeldet wurde, hat mich das nicht erstaunt. Genauso wenig wie die Reaktionen in Libyen und international. Oder das Auftauchen der Bilder, von denen erst berichtet wurde und die dann sich dann sehr schnell, mit mehr oder weniger verdrucksten Erklärungen, im Netz verbreitet haben. Ich glaube, es ist mir nicht allein so gegangen.

Es gibt Tyrannen, die ihren Sturz überlebt haben. Teilweise auch um Jahrzehnte. Es gibt auch einige, die eines natürlichen Todes gestorben sind. Aber das ist die Ausnahme.

Der Körper des Tyrannen ist ein symbolischer Körper. Sein Sturz ist erst vollendet, wenn er auch physisch aus der Welt geschafft ist. Ein gestürzter, aber lebendiger Tyrann verfügt über Wissen und Macht. Er löst Ängste und Hoffnungen aus. Er kann die verhöhnen, deren Leben er auf dem Gewissen hat. Und die, die ihn umschmeichelt und mit ihm Geschäfte gemacht haben. Im Augenblick der Todesmeldung wurde in weiten Teilen der libyschen und der Weltöffentlichkeit Erleichterung und Freude bekundet. Die Motive dafür dürften sehr unterschiedlicher Art sein.

Die Tötung eines Tyrannen ist ein eigenartiger Akt. Er soll der Befreiung dienen. Der Befreiung von Unterdrückung. Aber auch der Befreiung von der eigenen Verstrickung in das, was der Tyrann verkörpert hat. Mit dem Tyrannen soll die Vergangenheit entsorgt werden. Das ist die Fiktion. Aber indem die Grausamkeit des Tyrannen nun gegen ihn selbst gewendet wird, überlebt sie ihn zugleich. Sie ist sein Vermächtnis an die, die ihm antun, was er vielen anderen angetan hat. Am Beginn des neuen Zeitalters steht eine gewaltsame Tötung. Es ist nicht einfach, danach aus dieser Logik des Handelns wieder herauszufinden. Die Versuchung ist groß, zu sagen: Er war böse und handelte aus Willkür. Wir sind gut und handeln aus Notwendigkeit. Damit ist schon aus dem Blick geraten, dass der Maßstab des Neuen und Besseren in den Handlungen selbst liegt. Nicht in der Bewertung der Charaktere und Motive.

Respekt

radierer | Allgemein,Umgangsformen | Samstag, Februar 27th, 2010

Es ist nicht schwer, Recht zu haben, wenn jemand anders einen Fehler gemacht hat. Unsere moralischen Maßstäbe sind fest, streng und unverrückbar, wenn wir sie an andere anlegen.

Schwieriger ist es, sich einzugestehen, dass man selbst einen Fehler begangen hat. Einen schwerwiegenden Fehler, über den man nicht einfach Gras wachsen lassen kann. Und sich den Konsequenzen zu stellen.

Das zu tun, ist am Ende das einzig Richtige. Aber es ist weder einfach noch selbstverständlich. Es verdient Achtung und Respekt.

Man kann es sich auch mit dem Rechthaben allzu leicht machen.

Ein Missverständnis

radierer | Buchstaben,Ikonen | Mittwoch, Oktober 14th, 2009

Es ist eine alte Geschichte
Doch bleibt sie immer neu
Und wem sie just passieret
Dem bricht sie das Herz entzwei

Heinrich Heine

Es soll vorkommen, dass große Künstler auch begabte Pädagogen sind. Die Regel ist es nicht unbedingt.

Kunst, wenn sie gelingt, hat fast immer etwas Abgründiges. Die Abgründe, auf die sie verweist und aus denen sie sich speist, sind sehr intim. Es können biographische Verletzungen sein. Erfahrungen wie Demütigung. Ausgeschlossensein. Unüberwindliche Einsamkeit. Abhängigkeit.

Jede Lebensgeschichte hat ihre Abgründe. Wie daraus Kunst entsteht, die das Abgründige zum Vorschein bringt, es vergegenwärtigt und darüber hinwegtanzt: das lässt sich weder lehren noch lernen. Hier gibt es keine Methode. Wo es gelingt, da lässt sich vielleicht die Geschichte dieses Gelingens nachvollziehen und erzählen. Sie taugt aber nicht als Anleitung. Sie ist keine Blaupause.

Die Künstlerin, die dies vermitteln möchte, muss scheitern. Sie wäre vielleicht nicht Künstlerin ohne die Verletzungen und Demütigungen, die sie erfahren hat. Sie nimmt ihre Schüler ernst und möchte sie nicht mit Verfahrenstipps und billigem Lob abspeisen. Sie möchte sie das Eigentliche spüren lassen. Das Wesentliche. Am Ende führt das dazu, dass sie die, denen sie etwas beibringen wollte, verletzt und demütigt. Sie gibt damit etwas von ihrer eigenen Erfahrung weiter. Aber sie wird diejenigen, die von ihr lernen wollten, dadurch nicht zu Künstlern machen, sondern bloß entmutigen.

Denn das, worauf es ihr ankommt, lässt sich bei einer solchen Veranstaltung nicht weitergeben. Es ist nicht so einfach zu haben. Und viele, die hoffnungsvoll ins Seminar gekommen sind, waren daran vielleicht gar nicht interessiert. Sie wollten das lernen, was sich lehren lässt: bessere Texte zu schreiben.

Unwichtige Texte, vielleicht. Banale Texte mit begrenztem künstlerischen Wert und sehr kurzer Halbwertzeit. Gebrauchstexte. Genretexte. Die Art von Texten, denen sich mit Rezepten und Regeln beikommen lässt. Sie hätten gern daran gearbeitet und gefeilt. Sie hätten dafür eine andere Dozentin gebraucht.

Das aber, was Herta Müller zu geben hätte, kann sie in einem solchen Rahmen nicht geben. Sondern, wenn überhaupt, nur dort, wo eine Beziehung entsteht. Eine enge, ungeschützte, quälende Beziehung, die von einem künstlerischen Einverständnis getragen wird. Eine Beziehung, die etwas gemeinsam hätte mit einer gelingenden Beziehung zwischen Text und Leser.

Artem Loskutov aus U-Haft entlassen

radierer | Allgemein,Rauchzeichen | Mittwoch, Juni 10th, 2009

Der russische Aktionskünstler Artem Loskutov ist heute auf Beschluss des Kreisgerichts Novosibirsk aus der U-Haft entlassen worden. Das Kreisgericht hat damit den Entscheid des Bezirksgerichts vom 20. Mai aufgehoben. In der Begründung sagte die Richterin, dass der Entscheid des Bezirksgerichts den Anforderungen an einen Gerichtsentscheid nicht genüge: Dieser müsse rechtlich einwandfrei, begründet und motiviert sein. Die Aussagen zur Persönlichkeit des Angeklagten seien bei der Entscheidung des Kreisgerichts nicht hinreichend gewürdigt worden.

Quellen (in russischer Sprache):

newsru.com

kissmybabushka.com

Freiheit für Artem Loskutov

radierer | Allgemein,Rauchzeichen | Dienstag, Juni 9th, 2009

Am 15. Mai 2009 wurde in Novosibirsk der 22-jährige Künstler und Aktivist Artem Loskutov (Aussprache: Artjóm Loskútov) festgenommen. Seither befindet er sich in Untersuchungshaft.

Artem Loskutov ist Mitgründer der Künstlergruppe CAT (Contemporary Art Terrorism; Link russisch) und ihrer Nachfolgeorganisation Babuschka posle pochoron (Die Omi nach dem Begräbnis; Link russisch). Die Gruppe organisiert seit 2004 jährlich am 1. Mai sogenannte Monstrationen. Dabei handelt es sich um eine Art Ergänzung der offiziellen Demonstration zum 1. Mai. Die Teilnehmer tragen Plakate mit Aufschriften wie „Fang den Hengst“, „Wo bin ich“, „Ich bin dafür“, „Nieder mit der Ausbeutung der sibirischen Fauna durch die moderne Kunst“ oder einfach eine rote Linie auf weißem Grund. In einem Land, in dem die offiziellen Demonstrationen traditionell von den Autoritäten organisiert werden, geht es dabei auch darum, den öffentlichen Raum als Ort künstlerischer und politischer Äußerungen zurückzuerobern.

Die Aktionen wurden von den Behörden seit jeher mit Argwohn beobachtet; es kam zu Repressionen, Verhaftungen und Bußgeldforderungen. In diesem Jahr war man offensichtlich entschlossen, die „Monstration“ zu verhindern. Federführend dabei war die örtliche Niederlassung des „Zentrums für Extremismusprävention“, das dem russischen Innenministerium unterstellt ist. In den sechs Monaten vor dem 1. Mai wurden die Telefone der Gruppenmitglieder systematisch abgehört. Das „Zentrum für Extremismusprävention“ lud Loskutov mehrfach zu „Diskussionen“ ein (bzw. vor) und wies seine Eltern darauf hin, dass ihr Sohn Mitglied einer radikalen Splittergruppe sei. Auch am 1. Mai, dem Tag der „Monstration“, befand sich Loskutov nicht unter den Teilnehmern sondern im „Zentrum für Extremismusprävention“ bei einer „Diskussion“.

Am 15. Mai wurde Artem Loskutov vom Leiter des Zentrums telefonisch aufgefordert, sich zu einer weiteren Diskussion dort einzufinden. Er bestand auf einer schriftlichen Vorladung, wie sie nach dem Gesetz erforderlich ist. Daraufhin drohte ihm der Leiter an, ihn direkt von der Arbeit abholen zu lassen. Dazu kam es nicht. Am Abend desselben Tages wurde Loskutov aber auf offener Straße verhaftet. Dabei wurden angeblich 11 Gramm Marihuana bei ihm gefunden – ein Menge, die gerade für eine strafrechtliche Verurteilung ausreicht. Am 20. Mai fand eine Verhandlung statt, bei der die Richterin entschied, dass Loskutov vorerst in Untersuchungshaft bleibt.

Im Petersburger Blog Chtodelat News, das die Unterstützung für Loskutov mit organisiert, wird vermutet, dass es dem “Zentrum für Extremismusprävention” bei der Verhaftung und den vorangehenden Repressionen im Wesentlichen um die Rechtfertigung der eigenen Existenz geht. Lokutov wäre in diesem Fall eine Art Bauernopfer: Wo es Extremismusbekämpfung gibt, muss es auch Extremisten geben. Wenn sich keine finden, backt man sich welche, schon aus Gründen der Arbeitsplatzsicherung.

Wenn diese Interpretation zutrifft, ist der Fall Lokutov keine exotische Anekdote aus einem vordemokratischen Land. Er zeigt vielmehr eine bedrückende Nähe zu Tendenzen, die sich auch anderswo abzeichnen – Deutschland nicht ausgenommen. Weniger beunruhigend werden die Dinge dadurch nicht. Im Gegenteil.

So kann man Artem Loskutov unterstützen:

1. Spendenkonto für die rechtliche Vertretung:

Kontoinhaber: Roter Baum gGmbH Servicestelle Leipzig
Bank für Sozialwirtschaft BLZ: 85020500;
Ktonr. 3619703;
Verwendungszweck: Spende Rechtsbeistand Artem Loskutov (unbedingt angeben!)

2. Adresse des zuständigen Gerichts (für Anfragen per Telefon, E-Mail oder Fax):

Bezirksgericht Novosibirsk
ul. Pisareva 35
Russische Föderation, 630091 Novosibirsk
Telefon: +7 (383) 221-17-72; Fax: +7 (383) 221-95-30
E-Mail: oblsudnso@nsk.raid.ru

3. Veröffentlichungen in der Presse sowie in Blogs, Mailinglisten und Foren

Weitere Links zum Thema:

Deutschsprachige Pressemitteilung
De-Monstration der Macht (Artikel auf SZ Online)
delphinov.net (deutschsprachige Zusammenfassung)
Chtodelat News (kontinuierliche Berichterstattung auf Englisch)
globalpost (Artikel auf Englisch)
kissmybabushka.com (russischsprachige Website der Künstlergruppe „Die Omi nach dem Begräbnis“)
„Denke global, handle idiotisch“ (Deutschlandfunk-Feature über die Künstlergruppe)

Seit ein Gespräch wir sind

radierer | Allgemein,Kommunikationskanäle,Vorzeichen | Mittwoch, April 22nd, 2009

Viel hat von Morgen an,
Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander,
Erfahren der Mensch; bald sind wir aber Gesang.

Friedrich Hölderlin

Folge dem Trottelbot! Er folgt dir zurück!
trottelbot

So bald sind wir dann also doch nicht Gesang. Die Harmonie der Sphären lässt auf sich warten. Einstweilen redet alles fröhlich durcheinander. Das Stimmengewirr schwillt immer weiter an. Neu ist, dass jede einzelne Stimme sich Gehör verschaffen kann und bis ans andere Ende der Welt verstanden wird. Es gibt keine Vorauswahl mehr; wir müssen – und dürfen – selbst filtern.

Blogs sind Massenmedien nicht mehr, weil man Massen erreichen kann, sondern weil sich dort Massen äußern“, sagt Friedrich Küppersbusch und bringt die Dinge damit auf den Punkt: Das Publikum ist im Internet nicht mehr, was es bisher war. Niemand ist mehr auf die Rolle des Rezipienten beschränkt. Wir sind weiterhin Leser, Hörer, Zuschauer, aber auch Autoren, Interpreten, Akteure. Wir sind weiterhin Verbraucher und Staatsbürger, aber nicht mehr bloß Konsumenten und „Menschen draußen im Lande“. Es ist möglich geworden, sich ohne großen Aufwand und Zugangskontrollen direkt zu äußern und Einfluss zu nehmen: auf die öffentliche Meinung, auf den Markt, auf die Politik.

Wir waren gewohnt, dass es Einrichtungen gibt, die unsere Interessen vertreten. Die für uns Politik machen und Produkte entwickeln. Die Meinungen formulieren, in denen wir uns wiederfinden. Uns bespielen und unterhalten. Es wird solche Einrichtungen auch weiterhin geben, morgen und in zwanzig Jahren. Aber sie werden nicht mehr dieselben sein.

Veränderung hat oft etwas Bedrohliches, und deshalb ist es kein Wunder, dass viele Vertreter dieser Einrichtungen verstört reagieren. Natürlich möchten sie das Neue, das da entsteht, für ihre Zwecke nutzen. Davon abgesehen beschäftigt sie aber vor allem die Frage, wie sie das, was sich nicht in ihre Zwecke fügt, mit ihren spezifischen Mitteln unter Kontrolle bringen und einschränken können. Das lässt sich in Wirtschaft, Justiz und Politik beobachten. Und natürlich auch in den Medien.

Selbst Friedrich Küppersbusch ist durchaus nicht begeistert davon, dass sich die Massen äußern. Vor dem oben angeführten Zitat steht: „Niemand kann das alles lesen.“ Und danach folgt dies:

Im nächsten Schritt werden kluge Blogwarte Best-ofs veröffentlichen, dann wird es spannender.

(taz, 29.03.2009)

Dr. Bernd Graff, Redaktionsleiter für den Bereich Kultur bei der Süddeutschen Zeitung, hat sich bereits vor über einem Jahr über „Die neuen Idiotae – Web 0.0“ und „Loser Generated Contentausgelassen. Und der Konzertveranstalter Marek Lieberberg, der Andrew Keens Buch Die Stunde der Stümper gelesen hat, wird von geradezu apokalyptischen Ängsten geplagt:

Die Unterschiede zwischen ausgebildeten Experten und einfältigen Laien verwischen, weil jeder Narr einen Blog oder ein Video ins Netz stellen, Einträge abändern oder austauschen kann. Zwar wird so gut wie nichts davon angesehen oder gelesen, aber der Lärm des Ganzen ist ohrenbetäubend, das ist das eine – das andere ist, dass auch der Amoklauf von Winnenden gezeigt hat, wie schnell die Öffentlichkeit samt Politik und hochseriösen Blättern den Falschinformationen von flinken Netz-Desperados aufsitzen. Freiheit und Fluch der Softmoderne zersetzen so ein einst blühendes Ecosystem von Autoren, Journalisten, Musikern und Schauspielern, Dichtern und Denkern. Wenn man diesem Wahnsinn nicht Einhalt gebietet, werden Reflexionen von Web-Zombies Filme, Musik und Bücher ablösen. Those were the days?

(Süddeutsche Zeitung, 22.02.2009)

Aus diesen Worten spricht schon die nackte Panik. Da bringt jemand überstürzt beliebige Argumente für eine Abwehr in Stellung, ohne darauf zu achten, wie eines zum anderen passt. Wenn so gut wie nichts davon angesehen oder gelesen wird, wieso verwischen dann die Unterschiede zwischen (ausgebildeten!!!) Experten und (einfältigen!!!) Laien? Und wieso besteht dann die Gefahr, dass Reflexionen von Web-Zombies Filme, Musik und Bücher ablösen? Wenn hochseriöse Blätter den Falschinformationen von flinken Netz-Desperados aufsitzen, wer hat dann ein Problem – die Blätter oder die Desperados? Und wie soll dem Wahnsinn Einhalt geboten werden? Indem das Internet künftig nur noch über Konzertagenturen, Unterhaltungsindustrie, Medien, Unternehmen und Politik bespielt werden darf?

Nein. Those were the days. Was öffentlich wird, bestimmen nicht mehr allein die traditionellen Distributoren. Immer mehr Menschen können mitreden, und sie werden es tun. Das verändert auch die öffentliche Sphäre als solche. Dass ich mich „im Internet“ äußere, bedeutet nicht, dass ich ein Publikum von Tausenden oder Millionen erreiche. Vielleicht findet das, was ich mitteilen möchte, nur zwei oder drei Interessenten. Aber weil viele sich äußern und miteinander in Verbindung treten, entsteht auf diese Weise zugleich ein Geflecht untereinander vernetzter Foren – viele davon mit winziger, einige mit größerer oder sehr großer Reichweite. Die Durchlässigkeit ist hoch, und wenn etwas von Interesse ist, wird es von denen, die es angeht, sehr schnell verbreitet, verwendet und beantwortet.

Diese Art des Austauschs ist eine Bereicherung. Sie bietet etwas, was die klassischen Medien nicht bieten konnten. Zugleich zieht sie Aufmerksamkeit von den tradierten Kommunikationskanälen ab. Friedrich Küppersbusch und Marek Lieberberg stellen auf einmal fest, dass diejenigen, die in Vor-Netz-Zeiten ihr Auditorium bildeten, als „Massen“ und „Netz-Desperados“ produktiv werden und mit ihnen um Reichweite konkurrieren. Allzu große Sorgen müssten sie sich deshalb eigentlich nicht machen. Es ist ja nicht so, dass das, was sie zu bieten haben, ohne Weiteres von jedem zu ersetzen wäre. Erfahrung, Kompetenz und Professionalität werden durch das Netz nicht plötzlich obsolet. Allerdings können auch erfahrene, kompetente und professionelle Leute nicht einfach in den gewohnten Bahnen weitersegeln. Sie müssen zu neuen, unbekannten Ufern aufbrechen. Sie müssen bereit sein, ihr Schiff auf offener See umzubauen und ungewohnte Erfahrungen und Begegnungen nicht zu scheuen.

Vielleicht ist es befreiend, diejenigen, die sich da plötzlich mit ihren Nussschalen und Einbäumen im selben Gewässer tummeln, als „idiotae“, „Loser“, „Stümper“, „einfältige Laien“, „Narren“ und „Dummschwätzer“ zu bezeichnen. Es gibt aber überzeugendere Arten, zu zeigen, was man unter Kompetenz und Qualität versteht.

Wenn die Empfänger anfangen, zu senden, kann das für die, die bisher nur gesendet haben, auch Anlass sein, die Antennen auf Empfang zu stellen. Gelegentlich zuzuhören und sich ins Gespräch zu begeben. Nicht wahllos und beliebig, aber doch. Das Netz ist keine Reihenhaussiedlung, in der ein Blogwart den Jägerzaun pflegt, unerwünschte Elemente außen vor hält und einen geschützten Raum herstellt, in dem man nur mit seinesgleichen Umgang pflegt. Es ist ein Ort der überraschenden Begegnungen und Entdeckungen. Wer unter dieser Vielfalt nicht leidet und sich nicht in ihr verliert, sondern sie produktiv zu nutzen versteht, wird sie als Chance und nicht als Ende von etwas begreifen.

Einstimmung

radierer | Vorzeichen | Dienstag, Februar 24th, 2009

Ein Blog ist ein Projekt auf Zeit.

Einer meiner Lieblingsblogger, Sebastian vom Alarmschrei, hat vor ein paar Tagen (zum zweiten Mal) angekündigt, seines bis auf Weiteres zu beenden:

Das Polemisieren, Aus-der-Hüfte-Schießen und Besserwissen kann Spaß machen und hat einen gewissen Charme, weshalb ich auch nichts gegen andere Blogger habe, die es tun, aber es langweilt mich. Die Lösung, es doch dann anders und besser zu machen, klingt gut, würde aber mehr Zeit in Anspruch nehmen, als ich übrig habe. Außerdem ist man durch so ein jahrealtes Format auch ein wenig festgelegt, und ich will das Bisherige auch gar nicht widerrufen, aber eben auch nicht damit weitermachen. Es ist vorhersehbar geworden und führt aus meiner Sicht zu nichts Neuem mehr.

Ich kann das verstehen. Genau diese Gründe haben dazu geführt, dass ich mit meinen beiden ersten Versuchen stecken geblieben bin. Man stückelt eins an das andere, fast immer mit weniger Zeit und Sorgfalt als man eigentlich möchte. Man erzeugt ein Bild von sich, ob man will oder nicht. Und je länger man daran arbeitet, desto schlechter passt man hinein. Früher oder später fühlt man sich gefangen in der Figur, die da entstanden ist. Sie kommt einem langweilig und ein wenig peinlich vor. Sie hat freigiebig Meinungen produziert, und viele davon scheinen einem mit etwas zeitlichem Abstand nicht mehr besonders relevant oder interessant zu sein. Zu schnell geschossen. Zu tief gezielt. Man ist nicht mehr dort, wo das steht. Man möchte sich hinausstehlen und leise die Tür hinter sich schließen.

Leider werden von solchen Bedenken nur selten die gequält, die tatsächlich zu schnell schießen und zu tief zielen. Eher sind es Leute wie Sebastian, die wirklich etwas zu sagen haben und von anderen gern gelesen werden. Die nachdenklich sind und Dinge durchdenken können. Künstler des produktiven Zweifels. Die Balance zwischen Produktivität und Zweifel ist sehr fragil: schnell ist die Sache gekippt, und eines von beiden erdrückt das andere.

Ich hoffe darauf, dass Sebastian bald das Gleichgewicht wiederfindet und seine Zweifel wieder produktiv macht. Wie vorläufig, fragmentarisch und sporadisch auch immer. Und ob im Alarmschrei oder unter einer anderen Überschrift. Es stimmt schon: der Name „Alarmschrei“ stammt aus einem versunkenen Zeitalter. Andererseits: Welcher Titel wäre denn passender für ein neues Projekt, und wie lange wäre er das? Man muss Unvollkommenheit ertragen können, um etwas fertigzubringen.

In diesem Sinne öffne auch ich die Tür und wage mich, noch nicht ganz trittfest, wieder hinaus aufs Seil.

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