Einstimmung

radierer | Vorzeichen | Dienstag, Februar 24th, 2009

Ein Blog ist ein Projekt auf Zeit.

Einer meiner Lieblingsblogger, Sebastian vom Alarmschrei, hat vor ein paar Tagen (zum zweiten Mal) angekündigt, seines bis auf Weiteres zu beenden:

Das Polemisieren, Aus-der-Hüfte-Schießen und Besserwissen kann Spaß machen und hat einen gewissen Charme, weshalb ich auch nichts gegen andere Blogger habe, die es tun, aber es langweilt mich. Die Lösung, es doch dann anders und besser zu machen, klingt gut, würde aber mehr Zeit in Anspruch nehmen, als ich übrig habe. Außerdem ist man durch so ein jahrealtes Format auch ein wenig festgelegt, und ich will das Bisherige auch gar nicht widerrufen, aber eben auch nicht damit weitermachen. Es ist vorhersehbar geworden und führt aus meiner Sicht zu nichts Neuem mehr.

Ich kann das verstehen. Genau diese Gründe haben dazu geführt, dass ich mit meinen beiden ersten Versuchen stecken geblieben bin. Man stückelt eins an das andere, fast immer mit weniger Zeit und Sorgfalt als man eigentlich möchte. Man erzeugt ein Bild von sich, ob man will oder nicht. Und je länger man daran arbeitet, desto schlechter passt man hinein. Früher oder später fühlt man sich gefangen in der Figur, die da entstanden ist. Sie kommt einem langweilig und ein wenig peinlich vor. Sie hat freigiebig Meinungen produziert, und viele davon scheinen einem mit etwas zeitlichem Abstand nicht mehr besonders relevant oder interessant zu sein. Zu schnell geschossen. Zu tief gezielt. Man ist nicht mehr dort, wo das steht. Man möchte sich hinausstehlen und leise die Tür hinter sich schließen.

Leider werden von solchen Bedenken nur selten die gequält, die tatsächlich zu schnell schießen und zu tief zielen. Eher sind es Leute wie Sebastian, die wirklich etwas zu sagen haben und von anderen gern gelesen werden. Die nachdenklich sind und Dinge durchdenken können. Künstler des produktiven Zweifels. Die Balance zwischen Produktivität und Zweifel ist sehr fragil: schnell ist die Sache gekippt, und eines von beiden erdrückt das andere.

Ich hoffe darauf, dass Sebastian bald das Gleichgewicht wiederfindet und seine Zweifel wieder produktiv macht. Wie vorläufig, fragmentarisch und sporadisch auch immer. Und ob im Alarmschrei oder unter einer anderen Überschrift. Es stimmt schon: der Name „Alarmschrei“ stammt aus einem versunkenen Zeitalter. Andererseits: Welcher Titel wäre denn passender für ein neues Projekt, und wie lange wäre er das? Man muss Unvollkommenheit ertragen können, um etwas fertigzubringen.

In diesem Sinne öffne auch ich die Tür und wage mich, noch nicht ganz trittfest, wieder hinaus aufs Seil.

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