Am 15. Mai 2009 wurde in Novosibirsk der 22-jährige Künstler und Aktivist Artem Loskutov (Aussprache: Artjóm Loskútov) festgenommen. Seither befindet er sich in Untersuchungshaft.
Artem Loskutov ist Mitgründer der Künstlergruppe CAT (Contemporary Art Terrorism; Link russisch) und ihrer Nachfolgeorganisation Babuschka posle pochoron (Die Omi nach dem Begräbnis; Link russisch). Die Gruppe organisiert seit 2004 jährlich am 1. Mai sogenannte Monstrationen. Dabei handelt es sich um eine Art Ergänzung der offiziellen Demonstration zum 1. Mai. Die Teilnehmer tragen Plakate mit Aufschriften wie „Fang den Hengst“, „Wo bin ich“, „Ich bin dafür“, „Nieder mit der Ausbeutung der sibirischen Fauna durch die moderne Kunst“ oder einfach eine rote Linie auf weißem Grund. In einem Land, in dem die offiziellen Demonstrationen traditionell von den Autoritäten organisiert werden, geht es dabei auch darum, den öffentlichen Raum als Ort künstlerischer und politischer Äußerungen zurückzuerobern.
Die Aktionen wurden von den Behörden seit jeher mit Argwohn beobachtet; es kam zu Repressionen, Verhaftungen und Bußgeldforderungen. In diesem Jahr war man offensichtlich entschlossen, die „Monstration“ zu verhindern. Federführend dabei war die örtliche Niederlassung des „Zentrums für Extremismusprävention“, das dem russischen Innenministerium unterstellt ist. In den sechs Monaten vor dem 1. Mai wurden die Telefone der Gruppenmitglieder systematisch abgehört. Das „Zentrum für Extremismusprävention“ lud Loskutov mehrfach zu „Diskussionen“ ein (bzw. vor) und wies seine Eltern darauf hin, dass ihr Sohn Mitglied einer radikalen Splittergruppe sei. Auch am 1. Mai, dem Tag der „Monstration“, befand sich Loskutov nicht unter den Teilnehmern sondern im „Zentrum für Extremismusprävention“ bei einer „Diskussion“.
Am 15. Mai wurde Artem Loskutov vom Leiter des Zentrums telefonisch aufgefordert, sich zu einer weiteren Diskussion dort einzufinden. Er bestand auf einer schriftlichen Vorladung, wie sie nach dem Gesetz erforderlich ist. Daraufhin drohte ihm der Leiter an, ihn direkt von der Arbeit abholen zu lassen. Dazu kam es nicht. Am Abend desselben Tages wurde Loskutov aber auf offener Straße verhaftet. Dabei wurden angeblich 11 Gramm Marihuana bei ihm gefunden – ein Menge, die gerade für eine strafrechtliche Verurteilung ausreicht. Am 20. Mai fand eine Verhandlung statt, bei der die Richterin entschied, dass Loskutov vorerst in Untersuchungshaft bleibt.
Im Petersburger Blog Chtodelat News, das die Unterstützung für Loskutov mit organisiert, wird vermutet, dass es dem “Zentrum für Extremismusprävention” bei der Verhaftung und den vorangehenden Repressionen im Wesentlichen um die Rechtfertigung der eigenen Existenz geht. Lokutov wäre in diesem Fall eine Art Bauernopfer: Wo es Extremismusbekämpfung gibt, muss es auch Extremisten geben. Wenn sich keine finden, backt man sich welche, schon aus Gründen der Arbeitsplatzsicherung.
Wenn diese Interpretation zutrifft, ist der Fall Lokutov keine exotische Anekdote aus einem vordemokratischen Land. Er zeigt vielmehr eine bedrückende Nähe zu Tendenzen, die sich auch anderswo abzeichnen – Deutschland nicht ausgenommen. Weniger beunruhigend werden die Dinge dadurch nicht. Im Gegenteil.
So kann man Artem Loskutov unterstützen:
1. Spendenkonto für die rechtliche Vertretung:
Kontoinhaber: Roter Baum gGmbH Servicestelle Leipzig
Bank für Sozialwirtschaft BLZ: 85020500;
Ktonr. 3619703;
Verwendungszweck: Spende Rechtsbeistand Artem Loskutov (unbedingt angeben!)
2. Adresse des zuständigen Gerichts (für Anfragen per Telefon, E-Mail oder Fax):
Bezirksgericht Novosibirsk
ul. Pisareva 35
Russische Föderation, 630091 Novosibirsk
Telefon: +7 (383) 221-17-72; Fax: +7 (383) 221-95-30
E-Mail: oblsudnso@nsk.raid.ru
3. Veröffentlichungen in der Presse sowie in Blogs, Mailinglisten und Foren
Weitere Links zum Thema:
Deutschsprachige Pressemitteilung
De-Monstration der Macht (Artikel auf SZ Online)
delphinov.net (deutschsprachige Zusammenfassung)
Chtodelat News (kontinuierliche Berichterstattung auf Englisch)
globalpost (Artikel auf Englisch)
kissmybabushka.com (russischsprachige Website der Künstlergruppe „Die Omi nach dem Begräbnis“)
„Denke global, handle idiotisch“ (Deutschlandfunk-Feature über die Künstlergruppe)