Ein Missverständnis

radierer | Buchstaben,Ikonen | Mittwoch, Oktober 14th, 2009

Es ist eine alte Geschichte
Doch bleibt sie immer neu
Und wem sie just passieret
Dem bricht sie das Herz entzwei

Heinrich Heine

Es soll vorkommen, dass große Künstler auch begabte Pädagogen sind. Die Regel ist es nicht unbedingt.

Kunst, wenn sie gelingt, hat fast immer etwas Abgründiges. Die Abgründe, auf die sie verweist und aus denen sie sich speist, sind sehr intim. Es können biographische Verletzungen sein. Erfahrungen wie Demütigung. Ausgeschlossensein. Unüberwindliche Einsamkeit. Abhängigkeit.

Jede Lebensgeschichte hat ihre Abgründe. Wie daraus Kunst entsteht, die das Abgründige zum Vorschein bringt, es vergegenwärtigt und darüber hinwegtanzt: das lässt sich weder lehren noch lernen. Hier gibt es keine Methode. Wo es gelingt, da lässt sich vielleicht die Geschichte dieses Gelingens nachvollziehen und erzählen. Sie taugt aber nicht als Anleitung. Sie ist keine Blaupause.

Die Künstlerin, die dies vermitteln möchte, muss scheitern. Sie wäre vielleicht nicht Künstlerin ohne die Verletzungen und Demütigungen, die sie erfahren hat. Sie nimmt ihre Schüler ernst und möchte sie nicht mit Verfahrenstipps und billigem Lob abspeisen. Sie möchte sie das Eigentliche spüren lassen. Das Wesentliche. Am Ende führt das dazu, dass sie die, denen sie etwas beibringen wollte, verletzt und demütigt. Sie gibt damit etwas von ihrer eigenen Erfahrung weiter. Aber sie wird diejenigen, die von ihr lernen wollten, dadurch nicht zu Künstlern machen, sondern bloß entmutigen.

Denn das, worauf es ihr ankommt, lässt sich bei einer solchen Veranstaltung nicht weitergeben. Es ist nicht so einfach zu haben. Und viele, die hoffnungsvoll ins Seminar gekommen sind, waren daran vielleicht gar nicht interessiert. Sie wollten das lernen, was sich lehren lässt: bessere Texte zu schreiben.

Unwichtige Texte, vielleicht. Banale Texte mit begrenztem künstlerischen Wert und sehr kurzer Halbwertzeit. Gebrauchstexte. Genretexte. Die Art von Texten, denen sich mit Rezepten und Regeln beikommen lässt. Sie hätten gern daran gearbeitet und gefeilt. Sie hätten dafür eine andere Dozentin gebraucht.

Das aber, was Herta Müller zu geben hätte, kann sie in einem solchen Rahmen nicht geben. Sondern, wenn überhaupt, nur dort, wo eine Beziehung entsteht. Eine enge, ungeschützte, quälende Beziehung, die von einem künstlerischen Einverständnis getragen wird. Eine Beziehung, die etwas gemeinsam hätte mit einer gelingenden Beziehung zwischen Text und Leser.

Powered by WordPress | Theme by Roy Tanck