Der böse Mann
Wir sind müde
Wir wollen schlafen
Und der böse Mann
Kommt immer näher
Und erst wenn er tot ist
Werden wir wissen wer wir sind
PeterLicht
Als am Donnerstag die Meldung kam, Gaddafi sei verletzt gefangengenommen worden, hat mich das erstaunt.
Als kurze Zeit später sein Tod gemeldet wurde, hat mich das nicht erstaunt. Genauso wenig wie die Reaktionen in Libyen und international. Oder das Auftauchen der Bilder, von denen erst berichtet wurde und die dann sich dann sehr schnell, mit mehr oder weniger verdrucksten Erklärungen, im Netz verbreitet haben. Ich glaube, es ist mir nicht allein so gegangen.
Es gibt Tyrannen, die ihren Sturz überlebt haben. Teilweise auch um Jahrzehnte. Es gibt auch einige, die eines natürlichen Todes gestorben sind. Aber das ist die Ausnahme.
Der Körper des Tyrannen ist ein symbolischer Körper. Sein Sturz ist erst vollendet, wenn er auch physisch aus der Welt geschafft ist. Ein gestürzter, aber lebendiger Tyrann verfügt über Wissen und Macht. Er löst Ängste und Hoffnungen aus. Er kann die verhöhnen, deren Leben er auf dem Gewissen hat. Und die, die ihn umschmeichelt und mit ihm Geschäfte gemacht haben. Im Augenblick der Todesmeldung wurde in weiten Teilen der libyschen und der Weltöffentlichkeit Erleichterung und Freude bekundet. Die Motive dafür dürften sehr unterschiedlicher Art sein.
Die Tötung eines Tyrannen ist ein eigenartiger Akt. Er soll der Befreiung dienen. Der Befreiung von Unterdrückung. Aber auch der Befreiung von der eigenen Verstrickung in das, was der Tyrann verkörpert hat. Mit dem Tyrannen soll die Vergangenheit entsorgt werden. Das ist die Fiktion. Aber indem die Grausamkeit des Tyrannen nun gegen ihn selbst gewendet wird, überlebt sie ihn zugleich. Sie ist sein Vermächtnis an die, die ihm antun, was er vielen anderen angetan hat. Am Beginn des neuen Zeitalters steht eine gewaltsame Tötung. Es ist nicht einfach, danach aus dieser Logik des Handelns wieder herauszufinden. Die Versuchung ist groß, zu sagen: Er war böse und handelte aus Willkür. Wir sind gut und handeln aus Notwendigkeit. Damit ist schon aus dem Blick geraten, dass der Maßstab des Neuen und Besseren in den Handlungen selbst liegt. Nicht in der Bewertung der Charaktere und Motive.
