Der böse Mann

radierer | Vorzeichen | Freitag, Oktober 21st, 2011

Wir sind müde
Wir wollen schlafen
Und der böse Mann
Kommt immer näher
Und erst wenn er tot ist
Werden wir wissen wer wir sind
PeterLicht

Als am Donnerstag die Meldung kam, Gaddafi sei verletzt gefangengenommen worden, hat mich das erstaunt.

Als kurze Zeit später sein Tod gemeldet wurde, hat mich das nicht erstaunt. Genauso wenig wie die Reaktionen in Libyen und international. Oder das Auftauchen der Bilder, von denen erst berichtet wurde und die dann sich dann sehr schnell, mit mehr oder weniger verdrucksten Erklärungen, im Netz verbreitet haben. Ich glaube, es ist mir nicht allein so gegangen.

Es gibt Tyrannen, die ihren Sturz überlebt haben. Teilweise auch um Jahrzehnte. Es gibt auch einige, die eines natürlichen Todes gestorben sind. Aber das ist die Ausnahme.

Der Körper des Tyrannen ist ein symbolischer Körper. Sein Sturz ist erst vollendet, wenn er auch physisch aus der Welt geschafft ist. Ein gestürzter, aber lebendiger Tyrann verfügt über Wissen und Macht. Er löst Ängste und Hoffnungen aus. Er kann die verhöhnen, deren Leben er auf dem Gewissen hat. Und die, die ihn umschmeichelt und mit ihm Geschäfte gemacht haben. Im Augenblick der Todesmeldung wurde in weiten Teilen der libyschen und der Weltöffentlichkeit Erleichterung und Freude bekundet. Die Motive dafür dürften sehr unterschiedlicher Art sein.

Die Tötung eines Tyrannen ist ein eigenartiger Akt. Er soll der Befreiung dienen. Der Befreiung von Unterdrückung. Aber auch der Befreiung von der eigenen Verstrickung in das, was der Tyrann verkörpert hat. Mit dem Tyrannen soll die Vergangenheit entsorgt werden. Das ist die Fiktion. Aber indem die Grausamkeit des Tyrannen nun gegen ihn selbst gewendet wird, überlebt sie ihn zugleich. Sie ist sein Vermächtnis an die, die ihm antun, was er vielen anderen angetan hat. Am Beginn des neuen Zeitalters steht eine gewaltsame Tötung. Es ist nicht einfach, danach aus dieser Logik des Handelns wieder herauszufinden. Die Versuchung ist groß, zu sagen: Er war böse und handelte aus Willkür. Wir sind gut und handeln aus Notwendigkeit. Damit ist schon aus dem Blick geraten, dass der Maßstab des Neuen und Besseren in den Handlungen selbst liegt. Nicht in der Bewertung der Charaktere und Motive.

Seit ein Gespräch wir sind

radierer | Allgemein,Kommunikationskanäle,Vorzeichen | Mittwoch, April 22nd, 2009

Viel hat von Morgen an,
Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander,
Erfahren der Mensch; bald sind wir aber Gesang.

Friedrich Hölderlin

Folge dem Trottelbot! Er folgt dir zurück!
trottelbot

So bald sind wir dann also doch nicht Gesang. Die Harmonie der Sphären lässt auf sich warten. Einstweilen redet alles fröhlich durcheinander. Das Stimmengewirr schwillt immer weiter an. Neu ist, dass jede einzelne Stimme sich Gehör verschaffen kann und bis ans andere Ende der Welt verstanden wird. Es gibt keine Vorauswahl mehr; wir müssen – und dürfen – selbst filtern.

Blogs sind Massenmedien nicht mehr, weil man Massen erreichen kann, sondern weil sich dort Massen äußern“, sagt Friedrich Küppersbusch und bringt die Dinge damit auf den Punkt: Das Publikum ist im Internet nicht mehr, was es bisher war. Niemand ist mehr auf die Rolle des Rezipienten beschränkt. Wir sind weiterhin Leser, Hörer, Zuschauer, aber auch Autoren, Interpreten, Akteure. Wir sind weiterhin Verbraucher und Staatsbürger, aber nicht mehr bloß Konsumenten und „Menschen draußen im Lande“. Es ist möglich geworden, sich ohne großen Aufwand und Zugangskontrollen direkt zu äußern und Einfluss zu nehmen: auf die öffentliche Meinung, auf den Markt, auf die Politik.

Wir waren gewohnt, dass es Einrichtungen gibt, die unsere Interessen vertreten. Die für uns Politik machen und Produkte entwickeln. Die Meinungen formulieren, in denen wir uns wiederfinden. Uns bespielen und unterhalten. Es wird solche Einrichtungen auch weiterhin geben, morgen und in zwanzig Jahren. Aber sie werden nicht mehr dieselben sein.

Veränderung hat oft etwas Bedrohliches, und deshalb ist es kein Wunder, dass viele Vertreter dieser Einrichtungen verstört reagieren. Natürlich möchten sie das Neue, das da entsteht, für ihre Zwecke nutzen. Davon abgesehen beschäftigt sie aber vor allem die Frage, wie sie das, was sich nicht in ihre Zwecke fügt, mit ihren spezifischen Mitteln unter Kontrolle bringen und einschränken können. Das lässt sich in Wirtschaft, Justiz und Politik beobachten. Und natürlich auch in den Medien.

Selbst Friedrich Küppersbusch ist durchaus nicht begeistert davon, dass sich die Massen äußern. Vor dem oben angeführten Zitat steht: „Niemand kann das alles lesen.“ Und danach folgt dies:

Im nächsten Schritt werden kluge Blogwarte Best-ofs veröffentlichen, dann wird es spannender.

(taz, 29.03.2009)

Dr. Bernd Graff, Redaktionsleiter für den Bereich Kultur bei der Süddeutschen Zeitung, hat sich bereits vor über einem Jahr über „Die neuen Idiotae – Web 0.0“ und „Loser Generated Contentausgelassen. Und der Konzertveranstalter Marek Lieberberg, der Andrew Keens Buch Die Stunde der Stümper gelesen hat, wird von geradezu apokalyptischen Ängsten geplagt:

Die Unterschiede zwischen ausgebildeten Experten und einfältigen Laien verwischen, weil jeder Narr einen Blog oder ein Video ins Netz stellen, Einträge abändern oder austauschen kann. Zwar wird so gut wie nichts davon angesehen oder gelesen, aber der Lärm des Ganzen ist ohrenbetäubend, das ist das eine – das andere ist, dass auch der Amoklauf von Winnenden gezeigt hat, wie schnell die Öffentlichkeit samt Politik und hochseriösen Blättern den Falschinformationen von flinken Netz-Desperados aufsitzen. Freiheit und Fluch der Softmoderne zersetzen so ein einst blühendes Ecosystem von Autoren, Journalisten, Musikern und Schauspielern, Dichtern und Denkern. Wenn man diesem Wahnsinn nicht Einhalt gebietet, werden Reflexionen von Web-Zombies Filme, Musik und Bücher ablösen. Those were the days?

(Süddeutsche Zeitung, 22.02.2009)

Aus diesen Worten spricht schon die nackte Panik. Da bringt jemand überstürzt beliebige Argumente für eine Abwehr in Stellung, ohne darauf zu achten, wie eines zum anderen passt. Wenn so gut wie nichts davon angesehen oder gelesen wird, wieso verwischen dann die Unterschiede zwischen (ausgebildeten!!!) Experten und (einfältigen!!!) Laien? Und wieso besteht dann die Gefahr, dass Reflexionen von Web-Zombies Filme, Musik und Bücher ablösen? Wenn hochseriöse Blätter den Falschinformationen von flinken Netz-Desperados aufsitzen, wer hat dann ein Problem – die Blätter oder die Desperados? Und wie soll dem Wahnsinn Einhalt geboten werden? Indem das Internet künftig nur noch über Konzertagenturen, Unterhaltungsindustrie, Medien, Unternehmen und Politik bespielt werden darf?

Nein. Those were the days. Was öffentlich wird, bestimmen nicht mehr allein die traditionellen Distributoren. Immer mehr Menschen können mitreden, und sie werden es tun. Das verändert auch die öffentliche Sphäre als solche. Dass ich mich „im Internet“ äußere, bedeutet nicht, dass ich ein Publikum von Tausenden oder Millionen erreiche. Vielleicht findet das, was ich mitteilen möchte, nur zwei oder drei Interessenten. Aber weil viele sich äußern und miteinander in Verbindung treten, entsteht auf diese Weise zugleich ein Geflecht untereinander vernetzter Foren – viele davon mit winziger, einige mit größerer oder sehr großer Reichweite. Die Durchlässigkeit ist hoch, und wenn etwas von Interesse ist, wird es von denen, die es angeht, sehr schnell verbreitet, verwendet und beantwortet.

Diese Art des Austauschs ist eine Bereicherung. Sie bietet etwas, was die klassischen Medien nicht bieten konnten. Zugleich zieht sie Aufmerksamkeit von den tradierten Kommunikationskanälen ab. Friedrich Küppersbusch und Marek Lieberberg stellen auf einmal fest, dass diejenigen, die in Vor-Netz-Zeiten ihr Auditorium bildeten, als „Massen“ und „Netz-Desperados“ produktiv werden und mit ihnen um Reichweite konkurrieren. Allzu große Sorgen müssten sie sich deshalb eigentlich nicht machen. Es ist ja nicht so, dass das, was sie zu bieten haben, ohne Weiteres von jedem zu ersetzen wäre. Erfahrung, Kompetenz und Professionalität werden durch das Netz nicht plötzlich obsolet. Allerdings können auch erfahrene, kompetente und professionelle Leute nicht einfach in den gewohnten Bahnen weitersegeln. Sie müssen zu neuen, unbekannten Ufern aufbrechen. Sie müssen bereit sein, ihr Schiff auf offener See umzubauen und ungewohnte Erfahrungen und Begegnungen nicht zu scheuen.

Vielleicht ist es befreiend, diejenigen, die sich da plötzlich mit ihren Nussschalen und Einbäumen im selben Gewässer tummeln, als „idiotae“, „Loser“, „Stümper“, „einfältige Laien“, „Narren“ und „Dummschwätzer“ zu bezeichnen. Es gibt aber überzeugendere Arten, zu zeigen, was man unter Kompetenz und Qualität versteht.

Wenn die Empfänger anfangen, zu senden, kann das für die, die bisher nur gesendet haben, auch Anlass sein, die Antennen auf Empfang zu stellen. Gelegentlich zuzuhören und sich ins Gespräch zu begeben. Nicht wahllos und beliebig, aber doch. Das Netz ist keine Reihenhaussiedlung, in der ein Blogwart den Jägerzaun pflegt, unerwünschte Elemente außen vor hält und einen geschützten Raum herstellt, in dem man nur mit seinesgleichen Umgang pflegt. Es ist ein Ort der überraschenden Begegnungen und Entdeckungen. Wer unter dieser Vielfalt nicht leidet und sich nicht in ihr verliert, sondern sie produktiv zu nutzen versteht, wird sie als Chance und nicht als Ende von etwas begreifen.

Einstimmung

radierer | Vorzeichen | Dienstag, Februar 24th, 2009

Ein Blog ist ein Projekt auf Zeit.

Einer meiner Lieblingsblogger, Sebastian vom Alarmschrei, hat vor ein paar Tagen (zum zweiten Mal) angekündigt, seines bis auf Weiteres zu beenden:

Das Polemisieren, Aus-der-Hüfte-Schießen und Besserwissen kann Spaß machen und hat einen gewissen Charme, weshalb ich auch nichts gegen andere Blogger habe, die es tun, aber es langweilt mich. Die Lösung, es doch dann anders und besser zu machen, klingt gut, würde aber mehr Zeit in Anspruch nehmen, als ich übrig habe. Außerdem ist man durch so ein jahrealtes Format auch ein wenig festgelegt, und ich will das Bisherige auch gar nicht widerrufen, aber eben auch nicht damit weitermachen. Es ist vorhersehbar geworden und führt aus meiner Sicht zu nichts Neuem mehr.

Ich kann das verstehen. Genau diese Gründe haben dazu geführt, dass ich mit meinen beiden ersten Versuchen stecken geblieben bin. Man stückelt eins an das andere, fast immer mit weniger Zeit und Sorgfalt als man eigentlich möchte. Man erzeugt ein Bild von sich, ob man will oder nicht. Und je länger man daran arbeitet, desto schlechter passt man hinein. Früher oder später fühlt man sich gefangen in der Figur, die da entstanden ist. Sie kommt einem langweilig und ein wenig peinlich vor. Sie hat freigiebig Meinungen produziert, und viele davon scheinen einem mit etwas zeitlichem Abstand nicht mehr besonders relevant oder interessant zu sein. Zu schnell geschossen. Zu tief gezielt. Man ist nicht mehr dort, wo das steht. Man möchte sich hinausstehlen und leise die Tür hinter sich schließen.

Leider werden von solchen Bedenken nur selten die gequält, die tatsächlich zu schnell schießen und zu tief zielen. Eher sind es Leute wie Sebastian, die wirklich etwas zu sagen haben und von anderen gern gelesen werden. Die nachdenklich sind und Dinge durchdenken können. Künstler des produktiven Zweifels. Die Balance zwischen Produktivität und Zweifel ist sehr fragil: schnell ist die Sache gekippt, und eines von beiden erdrückt das andere.

Ich hoffe darauf, dass Sebastian bald das Gleichgewicht wiederfindet und seine Zweifel wieder produktiv macht. Wie vorläufig, fragmentarisch und sporadisch auch immer. Und ob im Alarmschrei oder unter einer anderen Überschrift. Es stimmt schon: der Name „Alarmschrei“ stammt aus einem versunkenen Zeitalter. Andererseits: Welcher Titel wäre denn passender für ein neues Projekt, und wie lange wäre er das? Man muss Unvollkommenheit ertragen können, um etwas fertigzubringen.

In diesem Sinne öffne auch ich die Tür und wage mich, noch nicht ganz trittfest, wieder hinaus aufs Seil.

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